Enttäuschte Naturschützer

NEUMARKT. Der Kreisvorstand des Bundes Naturschutz ist enttäuscht vom neuen Gesetzentwurf zur Änderung des Bayerischen Landesplanungsgesetzes.

Anstatt endlich eine feste Obergrenze beim Flächenverbrauch verpflichtend einzuführen, würden wieder nur die fünf Hektar pro Tag bis 2030 als „Richtgröße“ formuliert. Diese „Richtgröße“ werde im Landkreis ohnehin in keiner Gemeinde eingehalten, sagte die stellvertretende Kreisvorsitzende Sigrid Schindler. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit den Flächennutzungs- und Bebauungsplänen der meisten Kommunen und versucht in ihren Stellungnahmen die Bürgermeister und Gemeinde-, Markt- und Stadträte davon zu überzeugen, dass der Flächenverbrauch im Sinne einer enkeltauglichen Zukunft so nicht weitergehen darf.

Im Vorfeld des nicht zugelassenen Volksbegehrens gegen den Flächenfraß hat im April 2018 Prof. Dr. Magel, damals Präsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum, im Umweltausschuss des Landtags „Wirksame Instrumente zur Reduzierung des Flächenverbrauchs in Bayern“ vorgestellt. Leider seien seine „überaus praktikablen Thesen“ wohl nicht angekommen oder verstanden worden, denn die Flächenversiegelung sei mit elf Hektar am Tag immer noch mit am höchsten in Deutschland.


Die bereits realisierten Maßnahmen der jüngeren Vergangenheit erreichten in verschiedenen Umweltbroschüren eine „traurige, negative Berühmtheit“: das Gewerbegebiet Tauernfeld in der Gemeinde Deining in der freien Landschaft, das Gewerbegebiet Nord und die Ortsumfahrung in Mühlhausen, der Norma-Einkaufsmarkt außerhalb der Ortschaft Lauterhofen, Asphaltmisch- und -recyclinganlagen in Pilsach und Sengenthal und der Abbau von Sand und Kalk in Lauterhofen, Pilsach, Sengenthal und im Wald bei Pollanten.

Derzeit stünden im Landkreis Neumarkt „leider“ wieder mehrere Projekte an, die einen überdimensionierten Flächenverbrauch verursachen werden: die geplanten Ortsumfahrungen von Seubersdorf, Berg und Rohr, der weitere dreispurige Ausbau der B 299 um Neumarkt, das riesige Gewerbegebiet „Waldeck“ in der Gemeinde Pilsach, die Ansiedlung eines Altstoffverwertungsbetriebs neben den Getreidesilos in Batzhausen, der Neubau eines Edeka-Marktes in Deining auf wertvollem, geschützten Moorboden, das Gewerbegebiet an der Habersmühle und die gerade erst beschlossene Bebauung des Wasserschutzgebiets in Neumarkt.

Dazu komme, so Manuela Heßlinger aus Freystadt, „die Asphaltierung unzähliger Feld- und Wirtschaftswege im Rahmen des so genannten Kernwegenetz-Programms des Amts für Ländliche Entwicklung, das in fast allen Gemeinden offenbar wegen großzügiger Zuschüsse ständig weiter betrieben wird.“

Zu befürchten seien auch zahlreiche Eingriffe in Landschaft und Natur, wenn sich die geplante 380 kV-Stromleitung, die „Juraleitung P53“, „durch unseren Landkreis fressen wird“.

Die politische Spitze im Landkreis mit Landrat, Oberbürgermeister und Bürgermeistern, aber auch die meisten Stadt-, Markt- und Gemeinderäte schaffe es offenbar nicht, Umwelt- und Klimapolitik neu zu denken. Stattdessen würden in Seubersdorf für die Umfahrung drei Hektar Wald gerodet, für das Gewerbegebiet an der Habersmühle würden Biotope und Wald vernichtet, in Pilsach sollen 13 Hektar wertvoller landwirtschaftlicher Ackerboden in der freien Landschaft für ein Logistikunternehmen geopfert werden - und der Straßenbau sei ohnehin „Kult“ im Landkreis. Dafür stehe auch die nach Ansicht der Naturschützer „völlig unsinnige Überführung“ der B 299 beim OBI-Baumarkt, im Süden von Neumarkt.

Nicht einmal die Corona-Pandemie schaffe es offenbar, ein Innehalten oder Umdenken einzuleiten. Ganz im Gegenteil: „Man hat den Eindruck, dass sich die Projekte ohne lästige Demonstrationen von Umwelt- und Naturschützern viel leichter durchziehen lassen“, so Schindler resignierend.

Das zeige sich besonders in Pilsach, wo mit massiven Mitteln der Gemeinde der Erfolg des Bürgerbegehrens „Kein Gewerbegebiet im Waldeck!“ verhindert werden soll. Dabei setzen sich hier zahlreiche Bürger lediglich für den Erhalt der Lebensgrundlagen ein. In der Metropolregion Nürnberg scheine man schon einen Schritt weiter zu sein. Hier hätten sich hochrangige Kommunalpolitiker zum Projekt „Regionalsouveränität“ zusammengeschlossen, um den Bestand an landwirtschaftlichen Flächen für die Herstellung von Regionalprodukten dauerhaft zu sichern.


Allein für ein regionales Bauernbrot werden 170 Quadratmeter Fläche benötigt, hat der Agrarökonom Otmar Seibert aus Triesdorf berechnet. Auch im Landkreis Neumarkt wünscht sich der Bund Naturschutz eine solche Initiative. Klara Grönninger aus Seubersdorf fordert: „Anstatt zukünftigem Flächenbedarf bei Gewerbebetrieben abzufragen, um mit dem Ergebnis weiteren Flächenfraß zu begründen, sollten bei den Nahrungsmittelproduzenten, den Landwirten, Erhebungen gemacht werden, um wertvolle Anbauflächen für zukünftige Generationen zu sichern.“

Besondere Sorge bereitet den Naturschützern auch die Ausweisung eines Sondergebietes für einen heimischen Altstoffverwertungsbetrieb in Batzhausen neben den Getreidesilos der Raiffeisenbank Parsberg. Der bisherige Hackschnitzelproduzent und Bauschuttverwerter will seinen Betrieb „mit kontaminierten Abfällen“ erheblich ausweiten mit ungewissen Auswirkungen auf den Boden und das Grundwasser. Über drei Hektar wertvoller Ackerboden sollen in freier Landschaft versiegelt werden, um darauf Altstoffe zu zerkleinern, zu lagern und wiederzuverwerten.

Nicht nur der BN, sondern auch einige Anlieger, Landwirte und Waldbesitzer würden schädliche Emissionen befürchten. Aber vor allem das eingelagerte Getreide könne wohl nicht ausreichend vor einer Kontaminierung geschützt werden. In das Silo werde ständig zur Belüftung Außenluft angesaugt, deshalb könne es keine 100prozentige Sicherheit geben, vor allem, weil beim Zerkleinern der kontaminierten Altstoffe auch Halogene und Mikroplastik in die Umgebung abgegeben werden.

Sogar asbesthaltiges Material soll dort verarbeitet werden, hieß es. „Ein derartiger Betrieb muss in ein dafür ausgewiesenes Industriegebiet“, fordert der Vorsitzende Dr.Guttenberger, „der Standort neben dem Getreidesilo, neben landwirtschaftlich genutzten Flächen und Wald, ist nicht akzeptabel“.
20.12.20
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Telefon Redaktion


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