„Keine Gegenargumente“

NEUMARKT. Als überflüssig bezeichnete der Bund Naturschutz in einem Brief an alle Stadträte den geplanten Ausbau der B299 im Raum Neumarkt.

In dem Schreiben am Silvestertag bat Alfons Greiner die Neumarkter Stadträte, den Ausbau angesichts der Veränderungen durch die Corona-Pandemie und den überfälligen Reaktionen auf die Klimakrise völlig neu zu bewerten.

Die bislang erhaltenen Rückmeldungen auf den Brief seien zustimmend gewesen, hieß es von den Naturschützern. Allerdings hätten sich die meisten Mandatsträger weiterhin in Schweigen gehüllt. „Konstruktive Gegenargumente wurden bislang nicht geäußert“. Der BN hofft aber weiterhin auf eine fruchtbare demokratische Auseinandersetzung.


Wir veröffentlichen den Brief im Wortlaut:

Sehr verehrte Frau Stadträtin,
Sehr geehrter Herr Stadtrat,
der BUND Naturschutz, Ortsgruppe Neumarkt wünscht Ihnen ein gutes Neues Jahr, bleiben Sie vor allem gesund.

Das Jahr 2020 geht zur Neige und es wird ein denkwürdiges sein. Corona hat nicht nur die Klimakrise in den Hintergrund treten lassen, auch unser regionales Engagement wurde sehr erschwert. Seit Beginn dieses Jahrs haben sich immer mehr Bürger gegen den überzogenen Ausbau der B299 rund um Neumarkt ausgesprochen. Dies führte nach Gründung der BI Stauf auch in Woffenbach zur Gründung einer BI „Genug davon – B299“. Mit Abstandstreffen im Privatgarten bis hin zu Online-Konferenzen haben Bürger*innen aus Woffenbach und BUND-Naturschutz-Mitglieder angesichts der Pandemie versucht, die vorliegenden Planungen und Gutachten zu untersuchen.

Seit Mitte des Jahres haben wir mit vielen Stadträten, Mandatsträgern und Bürgern Gespräche geführt und Überzeugungsarbeit geleistet. Neue Ideen wurden geboren, diskutiert und oft in unsere Änderungsvorschläge aufgenommen.

Wir können heute mit Fug und Recht behaupten, dass eine Reihe von Verbesserungen vorgeschlagen wurden und die ursprüngliche Planung aufgrund der Veränderungen in der Gesellschaft heute nicht mehr in die Zeit passt. Was vor 15 – 20 Jahren noch Sinn machte, ist angesichts des Klimawandels und seiner zu vollziehenden Konsequenzen nicht mehr zu verantworten. Zudem hat uns das Jahr 2020 mit seiner Pandemie aufgezeigt, dass sich auch der Verkehr in den nächsten zehn Jahren grundlegend verändern wird.

   · Meetings finden künftig online statt und nicht in schicken Hotels in einer Landidylle.
   · Kundengespräche laufen am Bildschirm ab und ersparen lange Anfahrtswege.
   · Arbeitnehmer vieler Berufsgruppen arbeiten künftig im Homeoffice.
   · Warenströme werden zwingend auf andere Verkehrsträger umgeleitet werden.

All dies macht den geplanten Straßenausbau überflüssig und verursacht in Zeiten knapper werdender öffentlicher Finanzen nur eine massive Geldverschwendung.

Das Streben nach höheren Geschwindigkeiten bedeutet mehr Lärm und Abgase. Viele setzen dabei auf neue Technologien. Diese sorgen dann zwar für weniger CO2-Ausstoß, aber der Lärm bleibt. Denn bei Tempo 100 ist nicht der Motorenlärm das störende Element, sondern es sind die Abrollgeräusche der Reifen. Und weder hier noch beim Abrieb (gesundheitsbelastender Feinstaub) sind große Innovationen in Sicht.

Die heutigen Prognosen gehen davon aus, dass der motorisierte Verkehr in Deutschland um 40, 50, ja sogar 67% abnehmen muss (je nach Gutachten), um die Klimaziele von Paris einzuhalten. Und an diesen Zielen halten in Deutschland alle Parteien und NGOs weiterhin fest mit einer einzigen Ausnahme. Deshalb dürfen wir uns in Neumarkt nicht gedankenlos darüber hinwegsetzen, sondern müssen alles daransetzen, auch hier die Vorgaben des Bundes einzuhalten.

Denn eines ist nicht von der Hand zu weisen: Bayern ist trauriges Schlusslicht bei umweltfreundlicher Mobilität! Vor einigen Wochen veröffentlichten Allianz pro Schiene, Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR) und BUND eine Studie von Quotas, welche die fünf Themenbereiche Verkehrssicherheit, Lärmminderung, Flächenverbrauch, Klimaschutz und Luftqualität alle paar Jahre untersucht. Das Abrutschen Bayerns auf den letzten Platz signalisiert eindeutig, dass bei uns in diesen Sektoren dramatischer Nachholbedarf besteht und damit auch die beim B299-Ausbau zugrundeliegenden Planungen gestoppt werden müssen.

Der Verkehr um Neumarkt läuft flüssig, mit Ausnahme am Pöllinger Kreisel. Bei allen offiziellen Aussagen zur „Verkehrsverflüssigung“ ist aber gerade vom Pöllinger Kreisel nirgends die Rede.

Nehmen wir doch für die mittel- und langfristigen Planungen in Neumarkt die vielen innovativen Anregungen aus dem Klimaschutzgesetz der Bundesregierung auf:

   · die großen Investitionen in die Digitalisierung u. a. zur Verkehrssteuerung.
   · die groß angelegte Verlagerung des Güter- und Personenverkehrs auf die Schiene.
   · die große, effiziente Ausweitung des Personennahverkehrs und den weiteren Ausbau der Rad- und Gehwege.

Das sind alles Ziele, die Sie auch in Ihren Stadtratsbeschlüssen schon lange angedacht haben für eine nachhaltige Mobilität und gleichzeitig zum besten Schutz für unsere Umwelt und den Erhalt unserer Lebensqualität hier vor Ort.

Am 15. Dezember 2020 brachte ARD alpha eine 90-minütige Sendung mit dem Titel „Wahnsinn LKW“ und es war irrsinnig, was da alles vorgestellt wurde. An einen weiteren Ausbau des Warenverkehrs auf der Straße zu denken, wäre demnach der Untergang. Und am gleichen Tag zog um 22:30 Uhr das Bayerische Fernsehen nach mit „Zukunft der Mobilität – Was wird uns bewegen?“ (siehe Mediathek) In der Sendung verkündete u.a. Prof. Claudia Kemfert, Leiterin der Abt. Energie, Verkehr und Umwelt des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung: „Der Mobilitätssektor steht am Anfang eines grundsätzlichen Wandels“ und „Wir werden nicht noch mehr Mobilität haben“.

Wir bitten Sie deshalb, setzen Sie sich persönlich ein für zukunftsweisende, innovative Lösungen, die uns aus der Klimakrise herausführen und mehr lebenswerte Zukunft für unsere Kinder bereitstellen.

Der BUND Naturschutz und seine vielen Mitglieder in Neumarkt, in Bayern sind sehr besorgt, dass die Erkenntnisse der letzten Jahre uns alle zwar in eine sichere Zukunft führen können, dass aber die Politik den Ernst der Lage vielfach noch nicht erkannt hat. Die Wissenschaft benennt immer neue „Kipppunkte“, nach denen ein Umsteuern keine Wirkung mehr hat. Jeder ist gefragt und alle müssen ihren Teil dazu beitragen. Der geplante Ausbau der B299 wäre ein fataler Beitrag zur Zerstörung unserer Zukunft. Deshalb bitten wir Sie für das kommende Jahr, bei allen Entscheidungen die Lösungen anzupacken, die auch im Sinne der kommenden Genrationen sind. Wie sagte gestern ein wichtiger Mensch im ZDF: „Corona werden wir überwinden, wird uns dies aber auch bei der Klimakrise gelingen?“

Starten wir gemeinsam mit dem Jahr 2021, Entscheidungen nicht an kurzsichtigen, der Vergangenheit entlehnten Zielen auszurichten. Orientieren wir uns an Zielen, die unseren Kindern und Enkeln zu Gute kommen. Im BUND Naturschutz finden Sie dafür immer einen kompetenten Partner.

Mit freundlichen Grüßen

Alfons Greiner

17.01.21
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