neumarktonline Dokumentation

Verleihung des Kulturförderpreises

an die Projektgruppe "Ilse" mit dem Musical "Der letzte Brief" des Ostendorfer Gymnasiums


Schüler und Lehrkräfte erhielten den Kluturförderpreis der Stadt.

"Man hat euch die Würde, die Freiheit, die Träume und das Leben genommen. Wir lassen nicht zu, dass man euch vergisst. Euere Namen werden bleiben!"

Meine sehr geehrten Damen und Herren, verehrte Lehrkräfte,
liebe junge Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Stadt!

Rund 100 Schülerinnen und Schüler des Ostendorfer Gymnasiums haben mit ihren Lehrkräften Wochen und Monate ihrer freien Zeit geopfert, um dieses Ziel Wirklichkeit werden zu lassen.

Sie haben die Lebens- und Leidensgeschichte der Neumarkter Jüdin Ilse Haas, die 1944 im Alter von 20 Jahren im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig von den Nationalsozialisten ermordet wurde, mit wissenschaftlicher Sorgfalt und persönlicher Leidenschaft recherchiert.

Sie haben die Ergebnisse ihrer Nachforschungen unter dem Titel "Grenzenlos" in einer beachtlichen und beachteten Ausstellung sowie in einer Powerpoint-Darstellung dokumentiert und präsentiert.

Sie haben schließlich - als junge Menschen - das Schicksal der jungen Ilse im Musical "Der letzte Brief" durch Text, Musik und Spiel einem breiten Publikum nahe gebracht und die Menschen tief bewegt.

Angefangen hat alles vor drei Jahren:
Im Religionsunterricht der 9. Klasse vergab Pastoralreferent Helmut Enzenberger Referate zum Thema "Kirche während des Dritten Reiches" mit Zeitzeugen und Quellen aus und zu Neumarkt.

Sie, Sabine Braun, Carolin Kistner und Verena Heinzmann, stellten sich der großen Herausforderung, mehr über ein jüdisches Mädchen zu erfahren. Bekannt waren ja zunächst nur Name und Adresse: Ilse Margot Haas, Nürnberger Straße 5, Fürth

Ich begrüße Sie, die drei Jugendlichen bei uns im Reitstadel, stellvertretend für alle am Projekt "Ilse" Beteiligten, ganz herzlich.

Sie waren es, die den Kontakt zu dem in New York lebenden Bruder von Ilse, dem inzwischen 81-jährigen Ernest Haas, herstellten. Dieser wiederum, der das NS-Vernichtungslager als einziger der noch lebenden vier Neumarkter Juden überlebte, stellte Dokumente und Erinnerungen an seine Schwester und die Familie zur Verfügung.

Der Stein war ins Rollen gekommen.
Aus einem "unscheinbaren Reli-Referat" entwickelte sich ein umfassendes Projekt:

Zitat

aus dem Brief von Walter Haas vom 10. Dezember 2006:

"The Tunnel remained dark, with no opening in sight. Then suddenly and powerfully a bright and startling light appeared. The hope for a future that contained love and reconciliation became a crystallized reality."
Die UNESCO-Gruppe "Eine Welt" erarbeitete unter ihrem Leiter Ulli Sellner die Ausstellung "Grenzenlos", die auf zehn Schautafeln nicht nur den Lebensweg von Ilse Margot Haas, sondern Verfolgung und Vernichtung der Neumarkter und Sulzbürger Juden durch das NS-Regime dokumentierte.

Die Musical-Gruppe des Ostendorfer Gymnasiums ließ sich von der historischen Spurensuche mit immer tieferen Einblicken in Leben und Leiden der Ilse Haas und ihrer Familie beeindrucken und motivieren. Immerhin hatte sie schon mit dem Stück "Isosolala" beim Deutschen Jugend-Musical-Festival in vier Sparten Auszeichnungen erhalten.

Jetzt ging es um eine ganz neue Herausforderung:
In der Form eines Musical mit eher locker-leichten Inhalten sollte ein sehr ernstes, historisches Thema bewältigt werden.

Unter der Leitung von Franz Müller, der den Text verfasste und Regie führte, entwickelte sich schließlich das Musical "Der letzte Brief". Die musikalische Ausarbeitung übernahm Max Gmelch zusammen mit den Schülern Marcel Estermann und Michael Dorner. Für Choreografie und Gestaltung zeichneten Karin Pfeiffer und Gerd Frühinsfeld verantwortlich.
Unter der Federführung von Leo Gmelch wurde dazu eine eigene Homepage eingerichtet.

Aus Ilse Haas wird beispielhaft, also übertragbar Ilse Goldbach.

Zwei Kunstgriffe prägen das Musical:
Der Ablauf in zwei Zeitebenen holt historische Wahrheit in unsere Gegenwart, erlaubt aber auch heitere, sogar lustige Elemente. Die Rekonstruktion der persönlichen Geschichte mit Hilfe der gefundenen Briefe vermittelt die Spannung des Forschens und dokumentiert die Veränderungen im Nazi-Deutschland, sie lässt aber auch die noch anhaltende Spannung zwischen den Getroffenen von damals und den Betroffenen von heute erleben, sie erzeugt Authentizität der Personen von fröhlichen Festen bis zur bitteren Vertreibung der Juden aus Neumarkt, von Bedrängen und Verdrängen bis heute.

Bevor der Vorhang fällt, liegt im Licht des Scheinwerfers eine rote Rose auf dem Bühnenboden:
Zeichen des Erinnerns, Zeichen gegen das Vergessen.

Rund 4000 Besucher haben in 17 Vorstellungen diese fünfte Musical-Produktion des OG gesehen, nein: erlebt. Bewegt und betroffen waren junge und ältere Neumarkter, aber auch viele prominente Gäste, wie die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in Fürth, Gisela Naomi-Blume.

Das Musical als Form der Auseinandersetzung erregte auch internationales Interesse bis hinüber in die USA:
Die "Jüdische Zeitung" in San Franzisco berichtet, die "Jüdische Tageszeitung New York" würdigt das Engagement der Neumarkter Schüler und Lehrer, der Erzbischof von New York, Edward Egan, zeigt Interesse und nimmt persönlich Kontakt mit Ernest Haas und seiner Frau Myrna auf.

Von Ernest Haas kam schließlich auch die größte und ehrlichste Anerkennung:
"Ich glaubte, dass Ilse und ihre Familie in der Stadt, die wir so sehr geliebt haben, vergessen wären. Doch ihr habt Ilse wieder ein Gesicht gegeben. Ihr wisst nicht, wie viel Freude ihr mir damit bereitet habt."

Bei der letzten Aufführung des Musicals am 17. September saßen Ernest und Myrna Haas in der ersten Reihe.

Die Stadt Neumarkt hatte ihn wie auch seinen Bruder Walter sowie die weiteren Neumarkter Überlebenden der Shoa - Hans Rosenfelder und Siegfried Neustädter - eingeladen, um auf diesem Weg ein Zeichen der Versöhnung zu setzen.
Projektleiter Helmut Enzenberger überbrachte die Einladung persönlich.

"I see a new Germany", sagte Myrna Haas nach der Aufführung des Musicals.
Unvoreingenommen wurde das Schicksal der Juden im Nazi-Regime aufgearbeitet, vorurteilsfrei wurden neue Wege für ein gutes Zusammenleben aufgezeigt, zukunftsweisend wurde ein neues Deutschland-Bild vermittelt mit Offenheit und Toleranz, ja mit erlebter Zuneigung.

Die Anstrengung hat sich gelohnt:
Im Oktober diesen Jahres erhielt das Projekt "Ilse" bei einem sehr beeindruckenden Festakt in der Münchener Residenz den Simon-Snopkowski-Preis der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition.

Im November besuchte auch Walter Haas seine Heimatstadt und fand ebenso wie zuvor schon Ernest den Weg zu den Herzen der Jugendlichen am Ostendorfer Gymnasium, aber auch den Weg zum Schreiberhaus mit dem sensationellen Fund einer Mikwe, eines jüdischen Ritualbades im ältesten und einzigen noch erhaltenen Bürgerhaus der Stadt mitten in der Stadt: ein bewegender Moment!

Heute, im Dezember verleiht der Stadtrat den ersten Kulturförderpreis der Stadt Neumarkt an die Arbeitsgruppe "Ilse".

Wie sagte doch OB Thomas Thumann: "Sich mit Haas zu versöhnen, ist ein Gewinn für die Stadt".
Ich füge hinzu: "Das Engagement zu würdigen, das diese Versöhnung ermöglichte, ist die Pflicht der Stadt."

Im Februar 2007 wird das Musical im Gasteig in München die Grenzen der Schule und der Stadt verlassen und einem fremden Publikum aufzeigen, dass Verdrängen und Vergessen der falsche Weg zur Wahrnehmung von Geschichte und Menschen ist.

Im Juli 2007 wollen Ilses Brüder, Ernst und Walter Haas mit ihren Kindern und Enkeln kommen, um bei der Übergabe des Ilse-Haas-Weges in Neumarkt dabei zu sein.
"Ich will meinen Kindern und Enkeln das neue Deutschland zeigen", sagte Walter Haas vor seiner Rückkehr nach Amerika.

Die Saat der Wahrheit trägt die Frucht des inneren Friedens.

Die Verleihung des ersten Kultur-Förderpreises der Stadt Neumarkt an das Projekt "Ilse" und die Musicalgruppe "Der letzte Brief" war eine gute Entscheidung des Stadtrats, eine unstrittige Entscheidung, eine weniger mutige Entscheidung als Ihr Entschluss, dieses Thema aufzugreifen, auf Ihre Weise anzugehen und so wunderbar zu bewältigen.

Der Stadtrat und die Bürger dieser Stadt gratulieren zur Verleihung des Kulturförderpreises 2006, wir bedanken uns bei allen Akteuren.

Arnold Graf
Bürgermeister und Kulturreferent
21.12.2006

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