"Seidener Faden" hielt


Pfleiderer scheint gerettet
Fotos:Pfleiderer AG
NEUMARKT. Der berühmte "seidene Faden" hat zum Schluß doch gehalten: 88 Prozent der Gläubiger der Pfleiderer-Hybrid-Anleihe verzichteten am Montag auf viele Millionen und stimmten dem Restrukturierungsplan des Neumarkter Unternehmens zu.

Aktionäre und Gläubiger des hochverschuldeten Neumarkter Holzverarbeiters mußten in der letzten Zeit so manche Kröte schlucken: die Banken und sogenannten Hedgefonds, die von den Banken Pfleiderer-Kredite aufgekauft hatten, verzichteten schon auf 380 Millionen Euro, um den Konzern am Leben zu erhalten.

Jetzt lag es vor allem an den Zeichnern einer sogenannten Hybrid-Anleihe, auf weitere 330 Millionen Euro zu verzichten und sich dafür mit spärlichen vier Prozent der längst in den Keller gerauschten Aktien zu begnügen. Etwa 30 der Gläubiger waren am Montag zu der Versammlung nach München gekommen.

Ob diese Gläubiger dem Restrukurierungsplan des Unternehmens zustimmen würden, war völlig offen. Pfleiderer-Vorstands-Chef Hans Overdiek kämpfte für die Zustimmung: "Ohne eine Restrukturierung ist die Existenz des Unternehmens unmittelbar bedroht" wird er zitiert (wir berichteten mehrfach).

Beobachter konnten sich aber genauso gut vorstellen, daß sich die Gläubiger verweigern: Anlegeranwälte hatten im Vorfeld erklärt, Pfleiderer sei "zum Spielball von Finanzinvestoren" geworden. "Alles, was wir bisher sehen können, läuft auf ein Bild hinaus: Aktionäre und Gläubiger einer Hybridanleihe sollen dafür bluten, dass sich einige Finanzinvestoren ein Unternehmen unter den Nagel reißen", erklärte zum Beispiel Rechtsanwalt Daniel Vos, der Kapitalanleger, Bankkunden und Gläubiger der Hybridanleihe von Pfleiderer vertritt.

Nach über vierstündiger Diskussion kam schließlich die erlösende Zustimmung (Eilmeldung hier) zu den Restrukturierungsplänen. 88 Prozent sollen nach einer Auskunft eines Unternehmenssprechers zugestimmt haben - 75 Prozent waren nötig.

Das traditionsreiche Neumarkter Unternehmen, das die "hochfliegenden Expansionspläne" seiner Manager und die Wirtschaftskrise beinahe nicht überlebt hätte, ist damit offenbar vorerst gerettet. Alternativen zur geplanten Restrukturierung gab es nur eine: die Insolvenz von Pfleiderer.

Banken und Hedgefonds halten künftig rund 80 Prozent der Anteile und üben damit die komplette Kontrolle über das Unternehmen aus.




Etwa eine Stunde nach der Veröffentlichung in neumarktonline bestätigte der Pfleiderer-Konzern die Einigung mit einer Presse-Mitteilung, die wir nachfolgend leicht gekürzt veröffentlichen:

Die Hybridanleihegläubiger einer von der Pfleiderer Finance B.V. begebenen Hybrid-Schuldverschreibung haben heute dem von der Geschäftsleitung unterbreiteten Vorschlag zugestimmt, ihre Schuldverschreibungen gegen das Recht zum Erwerb von Aktien der Pfleiderer AG einzutauschen. Die Pfleiderer Finance B.V. ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Pfleiderer AG.

Damit befindet sich die finanzielle Restrukturierung des Konzerns weiter im Zeitplan. Die heutige Entscheidung bereitet den Weg für eine notwendige Zustimmung durch die außerordentliche Hauptversammlung am 21. Juli 2011.

Mit dem heutigen Beschluss verzichten die Inhaber der 2007 begebenen Hybridanleihe mit einem Nominalvolumen von 275 Millionen Euro vollständig auf ihre Forderungen. Im Gegenzug erhalten die Gläubiger der Hybridanleihe das Recht zum Erwerb von bis zu 4 Prozent des Grundkapitals der Pfleiderer AG nach Durchführung der geplanten Kapitalerhöhung. Der heutige Verzicht entspricht inklusive der aufgelaufenen nicht gezahlten Zinsen einer weiteren Entschuldung des Pfleiderer-Konzerns um rund 330 Millionen Euro. Der Verzicht steht unter anderem unter der Voraussetzung, dass auch die außerordentliche Hauptversammlung der Pfleiderer AG am 21. Juli 2011 dem Restrukturierungskonzept zustimmt und die geplante Kapitalerhöhung der Pfleiderer AG durchgeführt wird.

Hans H. Overdiek, Vorstandsvorsitzender der Pfleiderer AG: "Mit der heutige Entscheidung hat die Pfleiderer AG einen großen Schritt vorwärts gemacht. Nachdem wir Finanzgläubiger und Hybridanleihegläubiger von der Notwendigkeit und Tragfähigkeit des Sanierungsplans überzeugen konnten, gilt es nun auch die Aktionäre dazu zu bewegen, den eingeschlagen Weg mit uns zu gehen. Die Umsetzung der geplanten Kapitalmaßnahmen führt zu einer massiven Entschuldung und gibt uns den notwendigen Handlungsspielraum, um auch die operative Restrukturierung unseres Konzerns voranzutreiben. Alles was die Pfleiderer AG und ihre mehr als 5000 Mitarbeiter nun brauchen, ist die Unterstützung der Aktionäre."

Wesentliche Punkte der finanziellen Restrukturierung des Pfleiderer-Konzerns:
  • Das finanzielle Restrukturierungskonzept umfasst einen Forderungsverzicht der Alt-Gläubiger auf Finanzverbindlichkeiten des Konzerns in Höhe von 40 Prozent der ausstehenden Forderungen. Hinzu kommt ein Teil der aufgelaufenen Zinsen und Gebühren. Dies entspricht einem Betrag von insgesamt rund 380 Millionen Euro.
  • Die Alt-Gläubiger haben der Gesellschaft im Mai 2011 zudem einen zusätzlichen Kreditrahmen von 100 Millionen Euro als erstrangig besichertes Darlehen zur Verfügung gestellt. Dieses Darlehen soll nach Durchführung der geplanten Kapitalmaßnahmen zur Hälfte wieder zurückgeführt werden.
  • Vorstand und Aufsichtsrat schlagen der außerordentlichen Hauptversammlung, welche am 21. Juli 2011 stattfinden wird, einen massiven Kapitalschnitt vor. Dieser wird dazu führen, dass die Aktionäre zunächst nur noch ca. 0,8 Prozent des bisherigen Grundkapitals halten werden; sie haben aber die Möglichkeit, im Zuge einer Kapitalerhöhung den Anteil auf bis zu rund 16 Prozent aufzustocken.
  • Zur Wiederherstellung einer soliden Eigenkapitalbasis ist eine Barkapitalerhöhung mit einem Mittelzufluss von bis zu 100 Millionen Euro geplant. Davon sollen 60 Millionen Euro von bestimmten erstrangig besicherten Alt-Gläubigern erbracht werden, während bis zu 40 Millionen Euro von den Aktionären der Pfleiderer AG oder sonstigen Dritten finanziert werden sollen.
  • Die Finanzgläubiger sind zudem bereit, in Höhe jenes Teils der Kapitalerhöhung, der von den Aktionären oder sonstigen Dritten nicht erbracht wird, einen weiteren erstrangigen Kredit von bis zu 40 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Damit ist der vorgesehene Mittelzufluss von bis zu 100 Millionen Euro in jedem Fall gesichert.
  • Nach Vollzug der Kapitalerhöhung sollen die Alt-Gläubiger, welche sich an der Barkapitalerhöhung beteiligen, mindestens 80 Prozent am erhöhten Grundkapital der Pfleiderer AG halten. Dieser Anteil kann sich in dem Maße erhöhen, in dem weder die bisherigen Altaktionäre noch Dritte die auf sie entfallenden Aktien an der Kapitalerhöhung zeichnen. Die Mehrheitsposition reflektiert den signifikanten Forderungsverzicht und die Garantie des Mittelzuflusses durch die Alt- Gläubiger in Höhe von bis zu weiteren 40 Millionen Euro.
  • Die Aktionäre können ihren Anteil am Grundkapital durch Zeichnung des auf sie entfallenden Anteils an der Kapitalerhöhung gegen eine Bareinlage von bis zu 40 Millionen Euro um bis zu 15 Prozent von 0,8 Prozent auf bis zu rund 16 Prozent erhöhen.
  • Es wird erwartet, dass die Umsetzung des Restrukturierungskonzepts bis weit ins zweite Halbjahr 2011, gegebenenfalls bis ins erste Quartal 2012 dauern wird.
20.06.11
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