"Schlechte Jobs" für Frauen

"Armut ist ganz oft weiblich"
Foto: verdi/NGG
NEUMARKT. Auch im Landkreis Neumarkt haben nach Angaben der Gewerkschaften Frauen die schlechteren und die schlechter bezahlten Jobs.
Sie werden in Teilzeit- und Mini-Jobs gedrängt, heißt es in einer Mitteilung der Gewerkschaften NGG und Verdi. Laut Pestel-Instituts sind lediglich 31 Prozent aller Vollzeitstellen im Landkreis Neumarkt mit Frauen besetzt. Ganz anders bei den Teilzeit- und Mini-Jobs: Hier beträgt der Frauenanteil 79 Prozent.
Frauen machen immerhin 7940 Mini-Jobs im Landkreis Neumarkt. Gerade hier sei das Niedriglohn-Risiko am höchsten: "Zwei von drei der Mini-Jobs werden mit weniger als 8,50 Euro pro Stunde bezahlt. Oft liegen sie sogar weit darunter", sagt Alexander Gröbner von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi). Der Geschäftsführer des Bezirks Oberpfalz spricht von einer "Niedriglohn-Schicht", die vom "fair bezahlten und damit anständigen Arbeitsmarkt" mehr und mehr abgekoppelt werde. "Gerade Frauen werden als billige Arbeitskräfte von Teilen der heimischen Wirtschaft regelrecht ausgenutzt", so Gröbner.
Gemeinsam mit Verdi übt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) heftige Kritik an der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt im Landkreis Neumarkt: "Arbeitsplätze, von denen man leben kann, werden systematisch abgebaut. Mini-Jobber übernehmen die Arbeit von Vollzeitkräften. Jobs werden zerschlagen, Löhne gedrückt", sagt Regina Schleser. Die Geschäftsführerin der NGG-Region Nürnberg-Fürth belegt dies mit Zahlen vom Pestel-Institut aus Hannover, das Verdi und NGG damit beauftragt haben, die regionale Arbeitsmarktsituation zu beurteilen.
Demnach hat die Zahl der Mini-Jobs in den vergangenen zehn Jahren um 73 Prozent zugenommen. "Mini-Jobber sind moderne Tagelöhner – mies bezahlt mit wenig Schutz", so Schleser. Sie beklagt eine "völlig verlotterte Moral im Umgang mit dem Wert von Arbeit".
"Wer für einen Dumpinglohn schuftet, der fühlt sich von der Gesellschaft mit Füßen getreten. Und das völlig zu Recht", sagt Alexander Gröbner. Die Bundesregierung habe hier "auf ganzer Linie versagt". Seit Jahren stemme sie sich gegen einen gesetzlichen Mindestlohn. "Dabei wird es höchste Zeit, diese Notbremse zu ziehen. Arbeit ist keine Dumpingware. Sie darf nicht länger nach dem Geiz-ist-geil-Prinzip auf den Wühltischen der Arbeitsvermittler angeboten werden", so der Verdi-Bezirksgeschäftsführer. Vordringliche Aufgabe der neuen Bundesregierung müsse es daher sein, einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro einzuführen.
"Für einen Niedriglohn zu arbeiten, bedeutet, dass man den Gürtel ganz eng schnallen muss. Wer dazu gezwungen ist, hat nicht mehr das Gefühl, dazuzugehören", sagt Regina Schleser. Dumpinglöhner lebten längst in einer "Verzichtskultur", zu der sie gezwungen seien. Ganze Familien würden dabei vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt. "Bus- und Bahnfahrten sind für diese Menschen oft schon etwas Besonderes. Der Gang ins Kino oder Freizeitbad ist die absolute Ausnahme. Und ein Restaurantbesuch der pure Luxus", so Schleser.
NGG und Verdi appellieren an alle Beschäftigten, die einen Niedriglohn von weniger als 8,50 Euro pro Stunde bekommen, diesen online beim
Dumpinglohnmelder anzuzeigen. Beide Gewerkschaften wollen so die "Deutschland-Billiglohn-Landkarte" vervollständigen. Schon jetzt zeichne sich dabei ab, dass "die Armut ganz oft weiblich ist".
05.09.13
Neumarkt: "Schlechte Jobs" für Frauen