Von Monsignore Richard Distler, Dekan![]() Aber trifft nicht dieses Faktum, diese Tatsache-Gott wird Mensch- gerade heute auf einen der wundesten Punkte in unserer modernen Welt? Was ist dieser wunde Punkt? Es ist die Leugnung des Vorrangs des Menschen. Haben Sie nicht manchmal auch den Eindruck: Gewiss ist eine gute medizinische Versorgung wichtig, aber die menschliche Zuwendung im Krankenhaus, im Altenheim, in der Sozialstation, im Kindergarten oder in Behinderteneinrichtungen ist manchmal zweitrangig. Vorrang hat oft nicht der betroffene Mensch, sondern die Bürokratie, die Verwaltung oder die Dokumentation von Vorgängen und Behandlungen. Gar nicht so wenige Krankenschwestern, Pflegekräfte, Erzieherinnen und Betreuungspersonen teilen mit mir diese Sorge. Weihnachten aber sagt: Der Mensch hat Vorrang, weil Gott selber Mensch geworden ist. Dieser Vorrang des Menschen muss auch wieder im wirtschaftlichen Leben gelten. In seiner neuesten Enzyklika "Evangelii Gaudium" schreibt Papst Franziskus: "Die Anbetung des biblischen Goldenen Kalbs ( Ex 32,1-35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden in der Anbetung des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel. Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise ist Ausdruck dessen, dass der Gewinn Vorrang hat und nicht mehr der Mensch, der nur noch auf eines seiner Bedürfnisse reduziert wird: auf den Konsum". An Weihnachten aber hat Gott dieses menschenunwürdige System auf den Kopf gestellt. Er wird selbst Mensch, um uns zu zeigen, welchen Wert und welch hohe Würde jeder Mensch hat. Gott wird Mensch, um uns allen teilhaben zu lassen an seiner göttlichen Würde, Größe und Schönheit. Deshalb, so sinniert schon der hl. Ambrosius von Mailand im Lied Nr. 108 im Gotteslob, "strahlt Glanz von der Krippe auf, neues Licht entströmt der Nacht. Nun obsiegt kein Dunkel mehr und der Glaube trägt das Licht". Ich denke, wir können es kaum erfassen, was dieser weihnachtliche Durchbruch Gottes und dieser Einbruch Gottes in unsere Welt und in unsere selbstgemachten Systeme bedeutet. Weihnachten ist mehr als nur eine Kehrtwende, Weihnachten ist Umbruch und Aufbruch in eine andere Welt, in die Welt Gottes, ins Reich Gottes, ins Himmelreich. Deshalb reicht es nicht, wenn nur Menschen diese unerhörte Botschaft verkünden. Das müssen Engel tun den Fluren von Bethlehem. Ist nicht seitdem die Welt anders geworden? Gewiss immer noch scheinen der Bürokratismus, die Habgier, die Aggressivität und der Bruch des Friedens die Oberhand zu gewinnen. Aber all das ist schon längst in Frage gestellt, sinnlos und zuinnerst gebrochen. "Nun obsiegt kein Dunkel mehr", sagt Ambrosius. Vorrang hat der Mensch, weil Gott ihm den höchsten Vorrang gab. Vorrang hat das Leben vor dem Tod, die Liebe vor der Habgier und das Licht vor allem Dunklen. Müsste da nicht eine neue und ungeahnte Weihnachtsfreude unser Herz erfüllen, eine Freude über unseren Gott, der unbedingt Mensch werden wollte und musste? |
Von Pfarrer Martin Hermann![]() Nun, lieber Steffen (Name geändert), ich will es versuchen – weil auch andere Menschen sich ähnliche Fragen stellen. Beginnen möchte ich mit einem "Zeitsprung" auf die Felder von Bethlehem – in jene Nacht als Jesus geboren wurde: Undurchdringlich war das Dunkel, dass die Hirten umgab. Sie saßen beim schwachen Schein ihres Feuers. Sie gingen ihren Gedanken nach. Schon als Kinder waren sie mit ihren Schafen gezogen, wie ihre Väter und Großväter. Seit Generationen hatten sie ihr Schicksal getragen. Ja, sie waren arme Schlucker. Damit konnten sie leben. Schwerer für sie war, dass sie von andern verachtet und gemieden wurden. Hirtenschicksal eben. Doch in dieser Nacht veränderte sich ihr Leben: Sie sahen das Licht, das plötzlich über sie kam. Sie hörten die Worte des Engels, der zu ihnen sprach – ja, ein Bote Gottes sprach ausgerechnet zu ihnen! Sie rieben sich die Augen, ihnen verging Hören und Sehen. Sie kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Von Engeln hatten sie gehört, aber dass sie ausgerechnet zu ihnen in diese Öde kommen würden? Auf die Geburt des Messias hatten sie gehofft, aber ausgerechnet in diese kalte und dunkle Nacht sollte er hineingeboren werden? Sollte Gott ihnen so nahe kommen? Zurück nach Neumarkt. Die Hirten damals haben dem Engel geglaubt. Sie haben das neugeborene Kind in der Krippe gesucht und gefunden. Ob sie Geschenke dabei hatten, weiß ich nicht. Kann ich mir aber gut vorstellen. Denn oft sind Menschen, die weniger haben freigiebiger als andere. Lukas notiert in seinem Evangelium (Kapitel 2), dass die Hirten zu ersten Zeugen der Heiligen Nacht wurden weil sie diese frohe Botschaft weitergegeben haben an die Menschen, die ihnen begegnet sind. Und wir? Nehmen wir wahr, dass Weihnachten mehr ist als "Bla, bla, bla…" und alle Jahre wieder derselbe Trott? Die Geburt von Jesus markiert nicht nur den Beginn einer neuen Zeitrechnung, sondern die Geburt des Sohnes Gottes stellt so manches auf den Kopf: Aus Angst wird Freude, aus Unheil wird Heil, dem Streit folgt Versöhnung, in das Dunkel kommt Licht, Trauer wird getröstet. Das geschieht, wenn wir die Botschaft des Engels für uns persönlich hören und annehmen: "Fürchtet Euch nicht! Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volk (auch Dir!) widerfahren wird. Denn Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr." Ich meine, es ist gar nicht so verkehrt, uns "alle Jahre wieder" daran erinnern - und unser Leben dadurch verändern zu lassen. |